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Le blog du Théâtre Universitaire Royal de Liège

Mit Frau Storm. Ein Kammerspiel von Eckart Pastor in der Inszenierung von Robert Germay, gespielt von Anita Wangen und dem Autor, knüpft das TURLg 2017 an die Tradition des Theaters in deutscher Sprache des guten alten Theaters der Lütticher Germanisten an

15 Février 2018 , Rédigé par Asbl Théâtre Universitaire Royal de Liège Publié dans #Ca turbine au TURLg

(Vers le texte français)

Als er im Jahre 1983 offiziell die Zügel des in französischer Sprache spielenden Lütticher Universitätstheaters (TULg) aus den Händen von François Duysinx übernahm,

da ließ Robert Germay, der Direktor des in deutscher Sprache spielenden Lütticher Germanistentheaters (TLG), de facto die beiden Truppen, die bis dahin parallel an der Universität Lüttich gewirkt hatten, ineinander aufgehen.

Das Germanistentheater war freilich unter seinem Etikett TLG weiterhin sehr aktiv und führte fortan nebeneinander englische und deutsche Autoren in ihrer Originalsprache auf, während das TULg auch deutsche Stücke in französischer Übersetzung im Repertoire hatte.

 

Im übrigen und im gleichen Zusammenhang erweiterte und vervielfältigte das TULg seinen Wirkungskreis durch zahlreiche Tourneen, wobei es fortan sich die mannigfaltigen internationalen Kontakte des TLG zunutze machen konnte, dessen Ruf schon damals weit über unsere Grenzen hinaus gedrungen war (nach Deutschland, Österreich, Polen usw. Nebenbei sei mit einem gewissen Stolz, aber in aller Bescheidenheit daran erinnert, dass das TURLg, inzwischen mit seinem „R“ in der Mitte - für royal = königlich - in 42 Ländern und 4 Kontinenten aufgetreten ist!) Kurzum: In den 80er Jahren erlebten die beiden Theatertruppen in jeder Hinsicht eine beiderseitige und gegenseitige Bereicherung.

 

1998 aber, 15 Jahre also nach der Fusion, produzierten die Lütticher (TULG und TLG united, wie man sie nun nannte) ihre letzte Inszenierung in deutscher Sprache - wahrscheinlich bereits eine Folge der damaligen Entwicklung des Germanistikstudiums. Bei diesem letzten Stück handelte es sich um Der Turm von Peter Weiss, in der Inszenierung von Alain Chevalier. Dieser hatte 1982 im TLG als Student der Klassischen Philologie (!) sein Theaterdebüt in Georg Büchners Woyzeck gegeben, in dem neben ihm u. a. Anita Wangen, eine damals bereits altgediente Schauspielerin des TLG, auftrat. Davon wird noch zu reden sein. Mit diesem ‚neuen‘ Woyzeck feierte man seinerzeit den 20. Geburtstag des TLG, an dessen Wiege einst 1962 ein erster Woyzeck gestanden hatte.(1)

 

Mit dieser knappen Vorrede sollten Platz und Bedeutung des Theaters in deutscher Sprache im Rahmen der nun 75jährigen Geschichte des TURLg umrissen werden. Freilich verlangt diese Skizze nach einer zusätzlichen Auskunft : Wie steht es um den Platz von Theodor (und Frau!) Storm im Rahmen der Lütticher germanistischen Universitätslehre und -forschung?

 

1988, im 100. Todesjahr von Theodor Storm, veröffentlichte Eckart Pastor, Professor am Seminar für deutsche Literatur der Universität Lüttich, eine gewichtige Monografie zu diesem berühmten und erfolgreichen realistischen deutschen Dichter (1817-1888): Die Sprache der Erinnerung. Zu den Novellen von Theodor Storm. Frankfurt/M. 1988.

Pastors Vorstoß fand eine lebhafte Nachfolge durch einige seiner jungen Kollegen (u.a. Louis Gerrekens – heute Dekan der Philosophischen Fakultät –, Marie Mawhin, Valérie Leyh), und so kann man heute von einer echten ‚Lütticher Schule‘ sprechen, deren Ansehen sich inzwischen neben dem von Husum und Heiligenstadt, den beiden anderen Zentren der Stormforschung, ehrenhaft etabliert hat.

 

Der schönste Beweis hierfür ist es gewesen, dass unser Seminar für deutsche Literatur mit aktiver Unterstützung der Theodor-Storm-Gesellschaft in Husum (http://www.storm-gesellschaft.de/) im Jahre 2017 aus Anlass des 200. Geburtstags des Dichters ein großes internationales Kolloquium in Lüttich veranstaltet hat, und zwar unter dem Titel: „Konventionen und Tabubrüche - Theodor Storm als widerspenstiger Erfolgsautor des deutschen Realismus“ (siehe http://200.ulg.ac.be/evenements/theodor-storm.html). Vom 22.- 24. November 2017 kamen aus diesem Anlass nahezu alle international ausgewiesenen Stormforscher in unserer Universität zusammen, und alle Teilnehmer waren danach mit den Veranstaltern einer Meinung: dieses Treffen war ein ungewöhnlicher Erfolg, sowohl was das wissenschaftliche Niveau der Vorträge und Diskussionen betraf als auch hinsichtlich der freundschaftlich-kollegialen Stimmung, die während der drei Tage sich verbreitete. Die Akten des Kolloquiums werden im nächsten Jahr im renommierten Berliner Erich Schmidt-Verlag erscheinen: ein überzeugendes Zeichen.

 

Ja, es gibt ja Zufälle: auf das Jahr 2017 fiel auch ein anderer 200jähriger Geburtstag: das Wiegenfest der Lütticher Alma Mater selbst. Diese glückliche Fügung war es möglicherweise auch, die unseren guten Eckart P. nahezu unwiderstehlich dazu getrieben hat, für eine Weile seine Forschungsarbeiten ruhen zu lassen und ein literarisches Phänomen in Angriff zu nehmen, das seinem verehrten Theodor noch näher kam: das kreative literarische Schreiben im eigentlichen Sinne, und zwar in einer Weise, die Storm selbst freilich so gut wie gar nicht praktiziert hat, dem Theater - Pole Poppenspäler hin und her, der Marionettenspieler in Storms berühmter Novelle von 1874.

(Museum in Husum, der Heimatstdt Storms)

 

Für seinen Erstling beutete der „junge“ Dramatiker kenntnisreich und brillant zugleich die umfangreiche Korrespondenz Storms mit seiner ersten Ehefrau Constanze (geb. Esmarch, 1828-1965) aus,

einen Briefwechsel, in dem sich hinter dem vorbildlichen Schriftsteller Storm immer wieder der eher lächerliche Haustyrann Theodor vordrängt. Dieses stormsche Paradox steht im Zentrum des Stückes, und der Humor, mit dem der Autor dies alles behandelt, erweitert auf glückliche Weise sein Anliegen, denn dergestalt rückt ganz allgemein die Lage der Frau ins Blickfeld, eine Situation, die ja leider auch heute noch zu mancher Sorge Anlass gibt.

 

Der neugierige Leser findet weitere Einzelheiten zum Stück mit Hilfe des TURLg-Links, siehe auch Link des BRF.

 

Genug der Vorreden, kommen wir zur Sache: "Das TURLg lässt die TLG-Tradition des Theaters in deutscher Sprache wieder aufleben."

 

Da der frisch gebackene Dramatiker sein ‚Kindchen‘ auch einem Publikum vorführen wollte, klopfte er ganz folgerichtig eines Tages an die Tür von Robert Germay, seinem kaum ein paar Monate älteren und ebenfalls pensionierten Kollegen. Er kannte natürlich dessen Regiearbeiten, hatten sie doch beide jahrelang in enger Fakultätsnachbarschaft gelebt und gewirkt. Ja, und er war sogar einstmals anlässlich einer Polentournee (Krakau) des TLG im Jahre 1980 in letzter Minute für einen ins Ausland verzogenen Schauspieler (einen gewissen Jean-Yves Poncelet) eingesprungen, um dessen Rolle des Mordax in der berühmten Komödie Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung von Christian Dietrich Grabbe zu übernehmen. Und das übrigens an der Seite seiner jungen Frau Françoise (geb. Delbouille), die ihrerseits die Rolle der (schwangeren!) Teufelsgroßmutter spielte … naja, irgendwie eine Familienstory, oder?

 

Der erwähnte Kollege und Regisseur zögerte kaum, diese seine Mission zu übernehmen. In einem Exclusiv-Interview hat er uns die Gründe für seine Zustimmung dargelegt, und diese Gründe sind vielfältig:

 

  1. Das Anliegen des Stückes, in dem der widersprüchliche Charakter der Personen enthüllt wird (Storm, der große Dichter vs. Theodor, der kleine Macho / Frau Storm, die vorbildliche Gattin vs. Constanze, die widerspenstige Frau), was dem Gespräch zwischen den Bühnenpersonen einen zwischen Ernst und Humor hin und her wechselnden Ton gibt;

  2. Die Machart des Stückes, die es dem Regisseur erlaubte, eines seiner Steckenpferde zu reiten: „Theater im Theater“, wobei dem Zuschauer ein Schauspiel vorgeführt wird, das gerade im Entstehen ist, das gerade in aller Öffentlichkeit geschrieben, geprobt, improvisiert und zusammengebastelt wird, kurz: ein gewissermaßen verfremdetes Stück (es sei daran erinnert, dass RG in illo tempore eine Dissertation über den großen BB verbrochen hat);

 

  1. Last but not least der schlaue Schachzug des Bittsteller-Autors, seine Wunderwaffe (oder auch ganz einfach das Tüpfelchen auf dem „i“): für die Rolle der Constanze brachte der listenreiche Kollege eine gemeinsame Freundin bei, die er hartnäckig dazu überredet hatte, nach 35jähriger Abwesenheit wieder auf die Bretter der Bühne zu steigen, eben die besagte liebe Anita Wangen (siehe oben).

Dieses in der Tat beeindruckende Argument gab dann wohl den Ausschlag beim Regisseur, der, vielleicht um sich zu revanchieren, dann darauf bestand, dass Eckart höchstpersönlich sowohl seine eigene Partie übernimmt, will sagen: die des Autors, der mit Constanze/Anita in Rede und Widerrede tritt, als auch die Rolle der aus dem „Off“, d.h. aus dem Jenseits(2) erscheinenden Person mit den erhabenen Zügen des Theodor Storm selbst. Vielleicht hat sich diese Rollenzuteilung angesichts der frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit zwischen Eckart und Theo auch einfach aufgedrängt.

 

Und alles in allem, meint Germay, bereue er dieses Casting in keinster Weise: das Duo, eigentlich ja ein Trio, habe sich trefflich bewährt!

 

Nicht das geringste Bedauern also, sich auf dieses wunderbare Abenteuer eingelassen zu haben!! Es dauert von Januar 2016, dem Beginn der Niederschrift und alsbald der Probenarbeit, bis zur Welturaufführung am 23. November 2017 im Rahmen des Storm-Kolloquiums (siehe oben)

 

Das Ereignis war durch ein prächtiges Plakat angekündigt

worden,gestaltet von Erwin (und Frau) Kirsch. Dieser hatte bereits 1972 das Plakat zu Mockinpott von Peter Weiss entworfen, jenes Schauspiels also, das in der Geschichte des TLG einen Wendepunkt darstellte. Über Jahre hinweg ist Freund Erwin der ständige und bevorzugte Grafiker des TULG/TLG united gewesen. Mit dem Rückgriff auf ihn unterstreichen wir noch einmal den look „das TLG ist wieder da!“, der ja schon bei der Rollenverteilung und der Sprache mitgespielt hatte. All das führte dazu, dass eine ganze Meute von alten TLG-Mitspielern und -spielerinnen der heroischen Epoche zu den Aufführungen vom 23. zum 26. 11.17 herbeigeströmt ist.

 

Der unbestreitbare Erfolg dieser Serie brauchte sich keinesfalls hinter dem des Kolloquiums zu verstecken, ergingen doch danach mehrere Einladungen für Frau Storm, in ihr eigenes Land zu kommen, unter anderem in die Storm-Städte Husum und Heiligenstadt, via Göttingen und Krefeld.

 

Die Tournee hat bereits angefangen, und zwar in Krefeld, der Geburtsstadt von … Eckart Pastor (hört! hört!), wo wir im Gymnasium am Stadtpark in einer Schul-Matinee aufgetreten sind. Der Empfang war warmherzig und der Erfolg unbestreitbar, sogar in der örtlichen Presse: In der Rheinischen Post lobte Christine van Delden die Aufführung in einem Artikel unter dem wirklich zutreffenden Titel: Theodor Storm als Macho und Modernist
(siehe auch Fotos). Die Fortsetzung der Deutschland-Tournee findet, wie bereits abgemacht, im kommenden Herbst statt.

 

Ein anderes wichtiges Datum steht bereits fest: am Sonntag, den 4. März 2018, um 15 Uhr wird Frau Storm. Ein Kammerspiel die RITU35-Woche im Theater des TURLg, quai Roosevelt 1b in Lüttich, beschließen: eine prima Gelegenheit für all die Unglücklichen, die die ersten Aufführungen verpasst haben!

 

Und eine Überraschung zum guten Schluss: derzeit finden Unterredungen zur Vorbereitung eines Ausflugs von Frau Storm nach Toulouse (F) in der nächsten Saison statt. Nach der Aufführung verschiedener Inszenierungen in der Vergangenheit in der Université Toulouse-Jean Jaurès (Le Mirail)(3) blieb das TURLg stets in freundschaftlich engem Kontakt mit zwei dortigen Germanistik-Kolleginnen, Hilda Inderwildi und Catherine Mazellier-Lajarrige, beide verantwortliche Herausgeberinnen der Reihe „nouvelles scènes – allemand“ bei den Presses Universitaires du Midi (PUM). Beide waren von Frau Storm so eingenommen, dass sie, ohne zu zögern, in Robert Germays Bitte einwilligten, das Stück in ihrer ausgezeichneten zweisprachigen Reihe zu veröffentlichen, was dann auch geschah(4). Und siehe da, noch eine Familienstory: Zoé Pastor, Papas Tochter, verfertigte die souveräne französische Übersetzung für diese Publikation (wo sie doch gerade eben erst mit Brio ihren Master in Germanistik und Anglistik abgelegt hatte).

 

Und die Geschichte der Zufälle ist damit noch nicht zu Ende: Eckart Pastor seinerseits kannte auch einen Toulouser Kollegen, Alain Cozic, den international bekannten französischen Storm-Forscher, der seinerzeit auch ein Kolloquium zur modernen deutschen Literatur in Toulouse 2 organisiert und dazu Meister Eckart eingeladen hatte. Wir sind stolz darauf, dass Alain Cozic uns die Ehre und das Vergnügen bereitete, ein meisterhaftes Vorwort für Frau Storm zu verfassen.

 

Wie pflegte doch Trebor Yamreg, ein Wort Henry Fords aufnehmend, zu sagen: „Sich begegnen ist ein Anfang. Zusammenbleiben ein Fortschritt. Zusammenarbeiten ein Erfolg“.

 

In Toulouse hat sich Frau Storm dank dieses schönen Buches ein Dauerdasein schwarz auf weiß verschafft, zweisprachig zwar, aber doch stumm. In Lüttich und in Krefeld hat Frau Storm während der Zeit ihrer Aufführungen im Wortsinne leibhaftiges Leben erfahren, ein flüchtiges Leben zwar, aber mit original Deutsch redendem Mundwerk.

 

Hoffen wir also, dass unsere Freunde in Toulouse ihr eines Tages die Gelegenheit geben, ein gutes Stündchen lang in der „rosa Stadt“ zu neuem Leben zu gelangen.

 

Hier sei nun ein Schlusspunkt gemacht unter dem langen Bericht von der Geburt unserer Frau Storm, ohne dass selbstverständlich ihre Abenteuer damit an ein Ende gekommen wären.

 

Ad multos annos?

 

Robert GERMAY, Februar 2018

 

(1) Der Vollständigkeit halber sei daran erinnert, dass das wirklich letzte in deutscher Sprache gespielte Stück Momo nach dem Roman von Michael Ende in der Inszenierung von David Homburg gewesen ist. Es wurde 2003 aufgeführt, aber ganz folgerichtig unter dem Etikett TURLg und nicht TLG - und auch nicht TULg übrigens!

(2) Heute ist im Theater das Jenseits mit Hilfe der Video-Technik zugänglich. Dank also an Marc Delogne von der Abteilung ‚Kommunikation‘ der Uni Lüttich, der es uns ermöglichte, Theodor Storm überlebensgroß auf der Bühne erscheinen zu lassen.

(3) Le procès / Der Prozess von Kafka 2012 und Don Juan revient de guerre/ Don Juan kommt aus dem Krieg von Horváth 2014. Bereits 2009 wurde das Plakat zu unserem Fin de siècle sur l’île bei einer Ausstellung ausgezeichnet, die von dem Verein ‚Le théâtre s’Affiche‘ in Toulouse veranstaltet wurde.

(4) Frau Storm. Ein Kammerspiel / Madame Storm. Théâtre de chambre. Texte original Eckart Pastor, traduction Zoé Pastor, PUM Université Toulouse – Jean Jaurès, (nouvelles scène – allemand, NOUG 21), 2017, 85 p., 12 EUR.

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